Die folgende Situation kennst du bestimmt: Du schaust dir eine neue Karate-Technik im Trainingsvideo an.
Klaus oder Markus erklären sie Schritt für Schritt, machen sie mehrfach vor und zeigen, worauf du achten solltest. Du pausierst das Video vielleicht sogar zwischendurch und denkst: „Okay, verstanden. Eigentlich gar nicht so kompliziert.“
Dann stellst du dich hin und versuchst es selbst. Und plötzlich funktioniert irgendwie gar nichts mehr. Der Fuß steht falsch, die Hüfte dreht nicht so, wie sie soll, der Arm fühlt sich zu langsam an und von der flüssigen Bewegung aus dem Video ist nicht mehr viel zu sehen. Vielleicht schaust du dir die Erklärung noch einmal an und denkst: „Aber ich weiß doch eigentlich, wie es geht. Ich habe es doch verstanden.“
Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied beim Lernen von Karate: Einen Bewegungsablauf zu verstehen bedeutet noch lange nicht, ihn auch ausführen zu können. Warum fühlt sich eine neue Technik also manchmal so kompliziert an, obwohl sie im Video eigentlich ganz einfach aussieht? Und was passiert eigentlich, während dein Körper diese Bewegung lernt?
Verstehen ist noch kein Können
In der Lernpsychologie wird zwischen dem Wissen über eine Handlung (dem theoretischen Inhalt) und dem tatsächlichen Ausführen dieser Handlung (der motorischen Bewegung) unterschieden. Wenn du dir die Erklärungen im Video ansiehst, baut dein Gehirn zuerst ein gedankliches Bild der Technik auf. Du erfasst die Logik hinter der Bewegung und weißt dann theoretisch ganz genau, was zu tun ist.
Dieses Wissen ist wichtig, um die Bewegung bewusst zu planen. Es bedeutet aber noch nicht, dass dein Nervensystem die dafür nötigen Bewegungsabläufe bereits sicher koordinieren kann. Das Verständnis ist also kein Zeichen dafür, dass du die Technik schon beherrschst, sondern lediglich der allererste Schritt eines längeren Lernprozesses. Die Lücke zwischen dem, was du im Video gesehen und verstanden hast, und dem, was dein Körper im Wohnzimmer tatsächlich umsetzt, ist zu Beginn völlig normal.
Dein Körper muss die Bewegung erst lernen
Eine Karate-Technik sieht von außen häufig einfacher aus, als sie tatsächlich ist. Damit die Technik perfekt funktioniert, müssen viele verschiedene Prozesse zusammenspielen: Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung, Beweglichkeit, Kraft und Timing. Dein Stand muss stabil sein, die Hüfte muss sich im richtigen Moment bewegen, der Oberkörper kontrolliert bleiben und der Arm seine Bewegung mit den Beinen abstimmen.
Weil diese Koordination zunächst noch ungewohnt ist, fühlt sich eine neue Technik in den ersten Trainingseinheiten oft sehr „zerstückelt“ an. Du denkst über einzelne Bestandteile nach und versuchst, sie bewusst miteinander zu verbinden: „Ist mein Stand richtig? Dreht sich meine Hüfte? Was macht mein hinterer Fuß? Wohin verlagere ich mein Gleichgewicht?“
Mit zunehmender Übung verändert sich das. Dein Körper lernt, die verschiedenen Bewegungsbestandteile besser aufeinander abzustimmen. Einzelne Bestandteile müssen dann immer weniger bewusst geplant werden und die Bewegung wird zunehmend flüssiger und sicherer.
Deshalb sind Wiederholungen so wichtig
Der bekannte Satz „Übung macht den Meister“ greift genau an dieser Stelle: Durch wiederholtes Üben bekommt dein Körper immer wieder Gelegenheit, die einzelnen Bewegungsbestandteile aufeinander abzustimmen und die Bewegung zunehmend sicherer auszuführen.
Entscheidend ist dabei jedoch auch, wie du wiederholst. Beim Online-Training kann es sinnvoll sein, eine Bewegung gerade am Anfang langsam und kontrolliert auszuführen, am besten sogar vor einem Spiegel. Dadurch hast du mehr Zeit, wahrzunehmen, was dein Körper gerade macht, und Unterschiede im Bewegungsablauf zu erkennen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Du musst dabei nicht jede Wiederholung perfekt ausführen. Fehler gehören zum Lernprozess dazu. Sie können dir sogar wichtige Informationen darüber geben, woran du bei der nächsten Wiederholung arbeiten kannst.
Was du daraus mitnehmen kannst
Wenn eine Technik nach dem ersten Training noch nicht funktioniert, bedeutet das nicht, dass du untalentiert bist. Vielleicht hast du bereits verstanden, was du tun sollst – dein Körper muss nur noch lernen, wie er es umsetzt.
Hab deshalb Geduld mit dir. Schau dir neue Bewegungen ruhig mehrfach an, übe sie zunächst kontrolliert, konzentriere dich auf einzelne Aspekte und nutze Fehler als Feedback. Gerade beim Online-Training kannst du dir die Zeit nehmen, eine Erklärung noch einmal anzusehen, eine Bewegung zu wiederholen oder dich selbst dabei zu beobachten.
Du musst nicht jede Technik sofort perfekt beherrschen. Denn beim Karate ist Verstehen erst der Anfang. Können entsteht durch Übung.
Literaturgrundlage
Baur, J., Bös, K., Conzelmann, A. & Singer, R. (Hrsg.). (2009). Handbuch Motorische Entwicklung. Hofmann.
Schüler, J., Wegner, M. & Plessner, H. (Hrsg.). (2020). Sportpsychologie. Springer.
Wulf, G. (2009). Aufmerksamkeit und motorisches Lernen. Urban & Fischer / Elsevier.

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