Mein Weg zum 6. Kyu: Was ich als Anfängerin beim Online-Karate gelernt habe

Mein Weg zum 6. Kyu: Was ich als Anfängerin beim Online-Karate gelernt habe

Als ich mit Karate angefangen habe, war ich ziemlich motiviert. Neue Techniken, verschiedene Blöcke und Fauststöße – ich wollte alles ausprobieren und möglichst schnell dazulernen.

Gerade nach einem langen Arbeitstag fand ich es schön, zu Hause noch 20 bis 30 Minuten zu trainieren. Ich hatte bereits andere sportliche Erfahrungen gesammelt und ein ganz gutes Körpergefühl. Deshalb dachte ich anfangs öfter: Das kriege ich schon hin.

Nach einigen Wochen stand dann meine erste Prüfung an. Ich war gespannt, wie eine Prüfung bei Teach Me Karate ablaufen würde und wie gut ich die geforderten Techniken tatsächlich umsetzen konnte. Dass ich dabei einiges über mich und mein eigenes Training lernen würde, hatte ich allerdings nicht erwartet.

„Oh Gott – DAS sind meine Bewegungen?“

Als ich mein erstes Prüfungsvideo aufgenommen und anschließend angesehen habe, war ich überrascht. Während des Trainings hatte ich das Gefühl gehabt, die Bewegungen kontrolliert auszuführen. Auf dem Video sah das allerdings ganz anders aus. Mein Stand war nicht immer stabil, meine Körperhaltung stimmte nicht überall und beim Gedan Barai zogen sich beispielsweise meine Schultern nach oben. An anderen Stellen lehnte ich mich nach vorne, ohne es während der Bewegung wirklich zu bemerken.

Das war zunächst ernüchternd. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich meine Bewegungen ganz anders wahrnahm, als sie tatsächlich aussahen.

Das war meine erste große Erkenntnis: Nur weil sich eine Bewegung richtig anfühlt, muss sie von außen noch lange nicht richtig aussehen.

Der Spiegel wurde plötzlich zum Trainingspartner

Nach dieser Erfahrung begann ich, häufiger vor dem Spiegel zu trainieren und mir einzelne Bewegungen genauer anzusehen. Auch Videoaufnahmen halfen mir dabei, Fehler zu entdecken, die mir während des Trainierens gar nicht aufgefallen waren.

Ich konzentrierte mich zunehmend auf einzelne Details, statt einfach die gesamte Technik immer wieder zu wiederholen. Stand, Körperhaltung und Bewegungsablauf ließen sich so gezielter überprüfen. Das half mir dabei, meine Techniken für die Prüfung zum 8. Kyu weiter zu verbessern.

Der Spiegel wurde damit zu einer Art Trainingspartner. Er konnte mir zwar nicht sagen, was ich falsch machte, aber er zeigte mir, wo ich genauer hinschauen musste.

Irgendwann dachte ich: Jetzt kann ich es doch

Mit der Zeit wurden die ersten Techniken natürlich immer vertrauter. Ich wusste, worauf ich bei meiner Körperhaltung achten musste, mein Stand wurde sicherer und viele Bewegungen fühlten sich zunehmend selbstverständlich an und auch der Spiegel bestätigte mir, dass ich nicht mehr unnötig die Schultern hochzog. Und irgendwann kam dadurch bei mir eine neue Art von Ungeduld dazu. Klaus hatte in den Trainingsvideos immer wieder gesagt, dass Wiederholungen wichtig sind. Und ich dachte irgendwann: „Ja, aber ich habe den Gedan Barai doch jetzt verstanden.“ Ich wusste, wie die Bewegung funktioniert. Ich wusste, dass meine Schultern unten bleiben sollten. Ich wusste, wie mein Stand ungefähr aussehen und dass ich mich nicht nach vorne lehnen sollte. Was sollte ich denn jetzt noch hundertmal machen?

Heute würde ich sagen: Genau da habe ich angefangen zu verstehen, dass „Ich weiß, wie es geht“ und „Ich kann es sicher und sauber ausführen“ zwei verschiedene Dinge sind (was der Unterschied ist, habe ich in einem anderen Blogartikel beschrieben). Damals musste ich das allerdings noch ein paar Mal selbst erfahren.

Und dann kam die nächste „Klatsche“

Auf dem Weg zum 7. Kyu fühlte ich mich eigentlich ziemlich gut vorbereitet. Ich hatte regelmäßig mehrfach die Woche trainiert, die Übungen gemacht und auch die Kata Heian Nidan beherrschte ich. Zumindest dachte ich das, denn dann startete ich das Prüfungsvideo. Mein erster Gedanke war: „Um Himmels willen. Wie schnell ist das denn?“ Plötzlich war alles viel schneller, als ich es bisher geübt hatte. Die einzelnen Techniken kannte ich. Die Kata kannte ich auch. Aber mein Körper kam einfach nicht schnell genug hinterher. Ich konnte die Bewegungen langsam ausführen, aber sobald das Tempo anzog, war plötzlich alles wieder viel schwieriger und kaum zu bewältigen. Das war ehrlich gesagt ziemlich frustrierend, denn ich hatte ja viel trainiert. Ich wusste, was ich machen musste. Warum funktionierte es dann nicht?

Der Schritt zurück

Ich habe nicht länger versucht, die komplette Prüfung einfach immer schneller mitzumachen. Ich übte die Bewegungen zunächst langsam und zerlegte sie bei Bedarf in kleinere Bestandteile. Erst als diese besser funktionierten, setzte ich sie wieder zu einem vollständigen Bewegungsablauf zusammen. Während meines Urlaubs nahm ich mir schließlich zehn Tage lang jeden Tag Zeit, das Prüfungsvideo zu üben.

Mit der Zeit wurden die Bewegungen flüssiger und ich konnte das Tempo besser halten. Perfekt war das Prüfungsvideo am Ende trotzdem nicht. Einmal machte ich einen falschen Schritt und auch sonst war noch Luft nach oben.

Aber ich hatte etwas Wichtiges gelernt: Eine Bewegung wird nicht automatisch schneller, nur weil man versucht, sie schneller auszuführen. Man muss sie so weit üben, dass die einzelnen Bestandteile auch bei höherem Tempo zuverlässig zusammenspielen.

Und nun kommt der 6. Kyu

Inzwischen bin ich auf dem Weg zum 6. Kyu und musste über mich selbst ein bisschen schmunzeln als ich die Trainingsvideos gesehen habe, denn zunächst dachte ich wieder: Die Techniken kenne ich doch jetzt wirklich! Doch auf dieser Stufe kommt die Hüfte dazu. Plötzlich sollten die bekannten Techniken mit einer gezielten Hüftrotation ausgeführt werden – und gleichzeitig sollte mein Stand stabil bleiben.

Der grundsätzliche Bewegungsablauf war mir längst vertraut. Ich musste nicht mehr lernen, wie z.B. ein Gedan Barai ausgeführt wird. Jetzt ging es plötzlich um ein viel kleineres Detail: die Hüfte richtig einzusetzen, ohne dass mir dabei die restliche Bewegung oder mein Stand verloren gehen.

Und genau das finde ich inzwischen ziemlich spannend am Karate. Man kann eine Bewegung eigentlich schon kennen und trotzdem noch unglaublich viel daran lernen.

Was ich inzwischen anders mache

Je länger ich trainiere, desto selbstverständlicher ist es für mich geworden, Bewegungen in kleine Bestandteile zu zerlegen. Statt mich darüber zu ärgern, dass eine Technik noch nicht richtig funktioniert, frage ich mich inzwischen genauer, woran es liegt. Ist es der Stand, die Körperhaltung, das Zusammenspiel mehrerer Bewegungen oder einfach das Tempo?

Oft ist es gar nicht die gesamte Technik, die noch nicht klappt. Manchmal ist es ein einziges Detail, das noch nicht sicher genug sitzt. Wenn ich mich gezielt darauf konzentriere, kann ich viel besser daran arbeiten, als wenn ich einfach nur die komplette Bewegung immer wieder wiederhole.

Mein Weg vom ersten Training bis zur Vorbereitung auf den 6. Kyu hat mir gezeigt, dass Karate nicht nur bedeutet, schnell neue Techniken zu lernen. Es geht auch darum, bereits bekannte Bewegungen immer genauer auszuführen und herauszufinden, welche Art des Trainierens einen gerade weiterbringt.

Und manchmal ist die hundertste Wiederholung eben doch diejenige, bei der plötzlich etwas besser funktioniert als zuvor.

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